Leben in Passivhäusern: Gut für die Umwelt, gut fürs Portmonee

Das Interview! | Klima-Kommunen
Passivhaussiedlung in Nidderau
18. Aug. 2020
Die Klima-Kommunen in Hessen tun etwas für die Umwelt. Ein weiteres bemerkenswertes Beispiel: die Passivhaus-Siedlung "Neue Stadtmitte Nidderau".

Es ist Freitag, früher Abend. In den frisch eingesäten Gärten der Reihenhäuser steigen schmale  Rauchsäulen auf: Grillzeit! Sonst setzt hier aber niemand auf Kohle: Hier, in der Passivhaus-Siedlung „Neue Stadtmitte Nidderau“, setzt man auf erneuerbare Energien. Das Projekt der Klima-Kommune Nidderau wurde 2019 abgeschlossen.

Zwischen den Mietshäusern und den Reihenhäusern haben die Stadtplaner einen langen Grünstreifen gesetzt. Ein Spielplatz und Klettergerüste ziehen die jungen Familien magisch an.

Und ein benachbartes Shoppingcenter sorgt dafür, dass sich die Hausbesitzer das Auto oft sparen können.

Eine Idylle!

Herzlich willkommen in der „Neuen Stadtmitte Nidderau“! (Foto: Michael John)

Das findet auch Steffen Schomburg. Er ist Leiter des Bauamts in Nidderau. Dadurch, dass alle Häuser in der Siedlung zwingend den Passivstandard erfüllen sollten, hatte Schomburg zunächst Sorge darüber, dass das ein Verkaufshindernis werden könnte.

Das Gegenteil war der Fall: „Wir hatten eine große Nachfrage bezüglich der Grundstücke“, erklärt er. Hinzu komme die Infrastruktur in der Siedlung „Neue Stadtmitte Nidderau“ – eine Schule, ein Schwimmbad, ein Kino, Bahn- und Busanschlüsse: alles vorhanden.  Eine Nachbarkommune überlege ebenfalls, eine Passivhaussiedlung auszuschreiben.

„Vielleicht ist der Begriff ein bisschen unglücklich gewählt.“

Aber wie lebt es sich eigentlich in einem Passivhaus? Wir sprechen  mit Marta Rizvi. Sie lebt mit ihrer Familie in einem Passivhaus in Nidderau und berichtet auf ihrem Blog darüber.

Wir zeigen ihr einen Cartoon:

Cartoon: Leben in Passivhäusern

Mit freundlicher Genehmigung von Uwe Krumbiegel (http://www.uwe-krumbiegel.de/)

Fühlen Sie sich mit dem Cartoon richtig dargestellt als Bewohnerin eines Passivhauses?

Nein, natürlich nicht. Hier wird ein Messie-Haus dargestellt. Der Name „Passivhaus“ beschreibt ein Konzept – vielleicht ist der Begriff ein bisschen unglücklich gewählt.

Aktivhäuser sind nicht besser als Passivhäuser. Als erstes sollte man, damit die Energiebilanz stimmt, den Verbrauch so weit wie möglich senken, und dann kann man den gebliebenen Energieverbrauch mit einer durchschnittlichen Photovoltaikanlage decken.

Wie lang leben Sie jetzt schon in Ihrem Passivhaus in Nidderau?

Das Haus wurde 2017 gebaut. Wir sind Ende August 2017 eingezogen, und wir mussten uns beeilen, weil unser Sohn damals eingeschult wurde – deswegen musste es pünktlich vor dem Schulanfang fertig sein.

Was ist das Besondere am Passivhaus?

Marta Rizvi

Bloggerin und Passivhausbewohnerin Marta Rizvi (Foto: privat)

Es ist eine andere Art zu bauen. Wir wollten von Anfang an ein Passivhaus errichten. Das ist ein energetischer Standard, den man mit jedem guten Architekten und jeder guten Baufirma erreichen kann.

Das heißt: Ein Passivhaus kann als Fertighaus oder als Massivhaus gebaut werden.

Man kann auf ökologische oder günstigere Baumaterialien setzen. Der Bauherr hat viel Spielraum dabei: Er kann die Baustoffe und die Baupartner frei aussuchen.

Worauf kommt es überhaupt an, dass ein Passivhaus auch wirklich als Passivhaus angesehen wird?

Ein Passivhaus ist ein Haus, das wenig Energie benötigt. Bei der Planung wird die Energiebilanz des Hauses berechnet. In der Phase kann man noch Verbesserungen vornehmen, damit die Heizlast maximal 10 Watt pro Quadratmeter beträgt. Das Passivhaus hat dann einen Heizwärmebedarf von 15 Kilowattstunde (etwa 1,5 Liter Heizöl) pro Quadratmeter in einem Jahr. 

Um auf den Cartoon zurückzukommen: Nicht der, der drin sitzt im Haus, ist passiv, sondern das Haus verbraucht wenig Energie?

„Passiv“ bedeutet, dass das Haus vor allem im Winter von passiven Solargewinnen profitiert. Das heißt: Wenn es im Winter richtig kalt wird, also wenn die Temperaturen auf minus acht oder minus zehn Grad fallen, ist es draußen meist sehr sonnig am Tag. Die großen Verglasungen auf der Südfassade fangen die Sonneneinstrahlung ein. Und das sehr gut gedämmte, luftdichte Haus behält die Wärme wie eine Thermoskanne. Die Wärme geht nicht so schnell verloren wie in einem Standardgebäude.

Viele Menschen fragen mich: Wenn ich bloß solch eine kleine Wärmepumpe hier habe, und es ist nur eine Luftwärmepumpe mit 5 kW vorhanden – ob ich das Haus von 156 Quadratmetern bei minus zehn Grad überhaupt warm bekomme.

Und? Klappt das?

Die Wahrheit ist: Je kälter es wird, desto schneller muss ich die Heizung ausschalten.

Ausschalten?

Wenn es über mehrere Tage lang kalt ist, muss ich die gesamte Woche die Heizung ausschalten.

Weil das Haus warm genug ist?

Genau. Die Sonneneinstrahlung heizt unser Haus auf, und wir haben sogar ohne Heizung 24 Grad zu Hause.

Ganz schön kuschelig.

In der Nacht fällt die Temperatur vielleicht um ein halbes Grad herunter – so kann man viel Wärme zuhause genießen. Das sind die passiven solaren Gewinne, die den Heizbedarf im Winter massiv reduzieren lassen. Daher der Name: ein Passivhaus.

Wie sieht es mit dem Lüften aus? Ich habe gehört, dass man in Passivhäusern nicht lüften darf.

Das ist ein Mythos. Es ist zwar so, dass wir im Herbst oder im Winter nicht aktiv lüften. Um den hygienischen Standard im Raum zu erhalten, müsste man alle zwei Stunden für zehn Minuten stoßlüften – auch in der Nacht, wenn Sie im Urlaub oder bei der Arbeit sind. 

Und das machen Sie?

Die Passivhaussiedlung in Nidderau (Foto: Michael John)

Nein, das kann kein Mensch leisten. Da ist es gut, wenn man eine Lüftungsanlage hat. Und wenn diese Lüftungsanlage richtig gebaut wurde und man sie richtig eingestellt hat – also nicht zu hoch im Winter – hat man eine sehr gute Luftqualität zu Hause. Wenn ich morgens aufwache, habe ich nicht das Bedürfnis, die Fenster aufzureißen. Die Luft ist immer frisch, weil sie regelmäßig, rund um die Uhr ausgetauscht wird. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei uns zwischen 45 und 60 Prozent. Das sind ideale Werte.

Wieviel Strom sparen Sie eigentlich mit dem Passivhaus? Lohnt sich der Aufwand tatsächlich?

Ohne das Elektroauto mit einzubeziehen, produziert die Photovoltaikanlage doppelt so viel Energie als wir verbrauchen. Das Haus benötigt nicht mal 5.000 kWh für die Heizung, Warmwasserbereitung, Kühlung, Haushaltsgeräte usw. Deswegen haben wir einerseits genügend Energie übrig für das Elektroauto. Andererseits erhalten wir eine Einspeisevergütung von 0,1220 Cent pro Kilowattstunde.

Vom März bis Oktober leben wir autark, ohne Steuern dafür zahlen zu müssen. Bis jetzt zahlten wir etwa 450 Euro Energiekosten im Jahr, für die Stromüberschüsse erhielten wir um die 650 Euro. Im Ergebnis durften wir uns über 200 Euro Überschuss freuen. Mit dem Elektroauto wird sich die Bilanz ändern, aber dafür kaufen wir kein Benzin mehr.

Würden Sie je wieder in ein normales Haus ziehen wollen?

Diesen Komfort möchte ich nicht mehr missen: Wir laufen meistens in T-Shirts herum. Andererseits verliert man den Bezug zur Außentemperatur – wir wissen nie, wie warm es draußen wirklich ist. Ich muss auf die Wetterdaten zurückgreifen. Manchmal fragen mich meine Kinder sogar noch im November, ob sie eine kurze oder eine lange Hose anziehen sollen.

Unsere Heizperiode ist von Ende November bis Ende Februar. In diesen Monaten benötigen wir zusätzliche Energie vom Netz. Das waren bisher um die 1.250 Kilowattstunden pro Jahr.

„Wir sind reiseuntauglich geworden!“

Im Sommer schützt die dicke Dämmung vor der Hitze. Man muss nur darauf achten, dass die Fenster bei der Hitze verschattet bleiben. Dann ist es in einem Passivhaus deutlich kühler als draußen. Wir haben noch eine zusätzliche Option, das Haus aktiv zu kühlen – nämlich mit der Wärmepumpe über den Fußboden. Im Hitzesommer 2018 hat sich die Kühlung bei uns bewährt.

Gibt es auch Nachteile?

Das Problem ist: Man gewöhnt sich sehr an die Behaglichkeit: Es ist angenehm warm bei uns im Haus, die Luft ist immer frisch, nicht stickig oder muffig – einfach nur wohlige Wärme im ganzen Haus ohne Zugerscheinungen.

Und wenn wir verreisen und bei Freunden oder Familie übernachten müssen, ist es eine Katastrophe. Die Zustände in ganz normalen Häusern hatten wir schnell vergessen. Dann meckern die Kinder und sogar mein Mann: Hier zieht es, oder es ist nicht warm genug. Ja, wir sind reiseuntauglich geworden.

Das Gespräch führte Till Frommann. 

In den nächsten Monaten werden wir Projekte der Klima-Kommunen vorstellen und im LEA-Blog und auf unseren Social-Media-Angeboten präsentieren.

Hier die bisherigen Beiträge der Serie:

Scha(r)f auf Klima-Kommunen

Eine Geschichte über Märchenschlösser, Bunker aus dem Kalten Krieg und Bits und Bytes in ihrer Bereitstellung

Leben in Passivhäusern: Gut für die Umwelt, gut fürs Portmonee

Titelbild: Michael John / LEA