Vertrag mit Ertrag

Das Interview!
Rolltreppe
29. Jan. 2020
Contracting – was ist das eigentlich? Wer macht mit wem wie Verträge? Und was hat die LandesEnergieAgentur Hessen (LEA) damit zu tun?

Alexander Becker ist bei der LEA verantwortlich für den Bereich „Energiekonzepte und Contracting“. Mit ihm haben wir uns über dieses Produkt unterhalten.

Unter Contracting stelle ich mir verknappt Folgendes vor: Ich bekomme als Leistung nicht die Lampe, sondern das Licht. Oder ist das zu naiv gedacht?

Das ist genau der richtige Ansatz. Contracting-Verträge beinhalten letztendlich die Belieferung von sogenannter Nutzenergie, sprich: Licht, in den meisten Fällen auch Wärme oder Kälte.

Das heißt dann, dass ich nicht mehr die Lampe kaufe, wenn sie defekt ist, sondern ich würde Verträge abschließen, mit denen ich dafür Sorge, dass immer Licht zur Verfügung steht?

Richtig. Die Laufzeiten solcher Verträge liegen bei zehn, vielleicht fünfzehn Jahren. In dieser Laufzeit bekommt der Kunde zugesichert, dass er über den Vertragszeitraum entsprechend immer seinen Bedarf an Licht, oder auch seinen Wärme- oder Kältebedarf gesichert hat.
Es wird also nicht jede einzelne Lampe abgerechnet, die ausgetauscht worden ist?

LEA-Mitarbeiter Alexander Becker, verantwortlich für den Bereich „Energiekonzepte und Contracting“

Genau. Oft wird Contracting in Zusammenhang mit Anlagenbau gebracht, was auch grundsätzlich nicht falsch ist, weil es das Mittel zum Zweck ist – ohne die Anlagentechnik, also ohne Beleuchtungsanlage, Kältemaschine oder Heizung, kann der Vertrag nicht erfüllt werden.

Contracting ist ein umfassendes Energiedienstleistungsmodell mit Full-Service Garantie und individuell vertraglich geregelten Leistungen für den Kunden. Sprich: Er bekommt das gebrauchsfertige Produkt, also Wärme, Kälte, Licht. Er erhält die Garantie, dass die Anlagetechnik über die Vertragslaufzeit entsprechend betrieben und in Stand gehalten wird.

Solch einen Vertrag kann ich aber nicht als Privatperson abschließen, nehme ich an?

Es gibt durchaus auch Contracting-Modelle für Privatpersonen in Einfamilienhäusern. Allerdings ist das nicht das Gros des Marktes. Es gibt Contractoren, also Auftragnehmer, die sich darauf spezialisiert haben. Solche Aufträge sind allerdings eher dünn gesät.

Wer schließt dann hauptsächlich solche Contracting-Verträge ab?

Gute Frage: Wer ist eigentlich Nutznießer, wer ist Kunde? Vertragspartner ist immer der Eigentümer der Immobilie beziehungsweise der Immobilien. In vielen Fällen sind Wohnungsbauunternehmen die Kunden – sei es im Neubau oder auch im Wohnungsbestand.

Wohnimmobilien mit einer gewissen Größenordnung sind sehr interessant für Contracting-Modelle. Bei rund zwanzig Wohneinheiten geht es los. Aber auch Zweckimmobilien sind interessant dafür, zum Beispiel kommunale Liegenschaften, bis hin zu Kliniken und Schwimmbädern. Also überall dort, wo relativ aufwändig Energie erzeugt wird.

Im Klinikbereich weiß man zum Beispiel, dass dort die Themen Lüftung, Kälte, aber auch Strom- und Beleuchtung überaus wichtig sind.

Contracting ist für alle Immobilien interessant, die mehr als ca. 20 Wohneinheiten umfassen oder ungefähr 2.000 Quadratmeter groß sind.

Das ist ein Richtwert?

Ja, die Werte können aber auch mal etwas darunter liegen. Es besteht auch die Möglichkeit, verschiedene Immobilien zusammenzufassen. Man spricht dabei von einem sogenannten Gebäudepooling. Ich kann damit kleinere Immobilien unter 2.000 Quadratmetern zu größeren zusammenfassen. Dann könnte man einen Contractingvertrag für mehrere Immobilien abschließen. Das geht natürlich auch.

Was ist der Vorteil von Contracting? Spart man damit Geld?

Es gibt viele Vorteile. Diese Verträge bieten eine Liefergarantie: Über den Vertragszeitraum wird zum Beispiel Wärme garantiert, ohne dass der Kunde sich selbst um seine Anlagentechnik kümmern muss: Er muss kein Erdgas, kein Heizöl, keinen Strom für die Wärmepumpe oder sonstige Brennstoffe einkaufen. Er bekommt das fertige Endprodukt, das er in den Gebäuden benötigt. Außerdem hat der Kunde einen Full-Service-Vertrag, bei dem die gesamte Instandsetzung, Wartung und Reparaturen, Not- und Stördiensteinsätze über diese Vertragslaufzeit gewährleistet sind.

Contracting – Vertrag mit Ertrag!
© pixabay | Aymanejed

Und Geld spart man damit dann auch?

Zum einen spart man den investiven Einsatz. Das bedeutet, dass man als Immobilieneigentümer nicht in eine neue Anlage investieren muss – der Contractor bringt die Investitionen mit und bietet ein interessantes Preismodell, das er dem Kunden über den Vertragszeitraum mit einem konstanten Grundpreis garantiert. Das heißt: Der Kunde zahlt nicht nach Aufwand, zum Beispiel pro Stördiensteinsatz – das ist alles im Grundpreis mit abgebildet.

Natürlich spart der Kunde damit auch Energie, indem er mit neuen, modernen Anlagetechnologien arbeitet, die in die Immobilien eingebracht werden.

Gibt es auch Contracting-Angebote, die genau darauf abzielen, also aufs Geldsparen?

Es gibt ein Produkt aus dem Bereich Contracting – das sogenannte Energiespar-Contracting. Das hat allerdings einen sehr geringen Marktanteil. Das Liefercontracting, das ich gerade skizziert hatte, hat einen Marktanteil von ungefähr 90 Prozent, das Energiespar-Contracting liegt lediglich bei 10 Prozent.

Das soll jedoch nicht heißen, dass das nicht interessant ist, gerade bei komplexen Liegenschaften wie zum Beispiel Kliniken oder Schwimmbädern. Auch dieses Thema haben wir uns auf die Fahne geschrieben, zu pushen.

Was genau bedeutet Einspar-Contracting?

Beim Energiespar-Contracting, kurz ESC, realisiert der Contractor nachhaltige Einsparungen und garantiert diese vertraglich. Er ist dabei für die Konzeption, Planung, Finanzierung und Umsetzung der von Ihm vorgeschlagenen Einsparpotenziale verantwortlich.

ESC eignet sich besonders für die energetische Modernisierung von kommunalen Liegenschaften.

Kann man Contracting als Flatrate bezeichnen?

Der gemessene Verbrauch wird mit einem variablen Arbeitspreis abgerechnet. Dieser orientiert sich am Energiemarkt und kann somit nicht langfristig festgeschrieben werden. Im Grunde genommen, wenn man das gesamte Service-Paket betrachtet, kann man es aber schon als eine Art Flatrate betrachten.

Und was genau hat die LandesEnergieAgentur Hessen (LEA) damit zu tun?

Die LEA ist Projektträger für das Contracting-Netzwerk Hessen: Wir haben hier in Hessen solch ein Netzwerk, das wir als LEA pflegen, betreuen und entsprechende Veranstaltungen organisieren.

Das Land Hessen beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit dem Thema Contracting, weil es als Instrument gesehen wird, um Sanierung voranzutreiben und somit die eher bescheidene Sanierungsquote zu steigern.

Das Netzwerk gibt es bereits seit 2016, und wir als LEA betreuen es seit 2018 als Projektträger und beraten im Allgemeinen das Produkt „Contracting“. In dem Netzwerk sind weitestgehend auch Anbieter wie Stadtwerke und Energiedienstleister Mitglied.
Außerdem ist es Teil meiner Aufgabe, Projekte in diese Richtung zu forcieren.

Worum geht es bei dieser Netzwerkarbeit?

Im Wesentlichen geht es bei der Netzwerkarbeit darum, die aktuellen Themen und Fragestellungen mit den Akteuren zu diskutieren und entsprechend zu kommunizieren. Contracting ist ein stetig wachsender Markt. Es könnte jedoch noch wesentlich mehr im Contracting umgesetzt werden.

Das Gespräch führte Till Frommann.

Weitere Informationen zum Contracting finden Sie hier.

Titelbild: Pixabay / Cocoparisienne